Das E-Auto kommt bald wieder mit Kaufprämie, lädt sauber und fährt leise. Der Nachbar hat auch schon eins. Elektromobilität wird derzeit als Lösung für eine klimafreundliche Zukunft propagiert. Politik und Hersteller setzen nahezu geschlossen auf den batterieelektrischen Antrieb. Damit sind alle Mobilitätsprobleme gelöst – oder?
Wären da nur nicht die Kunden, die kein neues Auto kaufen wollen – weder neu noch gebraucht. Denn wer sich nicht vom Marketing blenden lässt, erkennt schnell: Die entscheidende Frage ist nicht, welcher Antrieb verwendet wird, sondern welche Mobilitätsform man tatsächlich braucht. Wieder sind wir bei der Matrix-Frage: Welche Alternative habe ich?
Hintergrund
Alles könnte so einfach sein. Die Kunden reißen den Herstellern die Fahrzeuge aus den Händen, der Gebrauchtwagenmarkt boomt, Arbeitsplätze bleiben in Deutschland erhalten – und nebenbei retten wir das Klima.
Doch die Diskussion dreht sich fast ausschließlich um Reichweiten, Ladezeiten und den Strommix. Alles, damit wir nicht zum eigentlichen Nachdenken kommen: Die Industrie hat Milliarden in eine Technologie investiert, die viele gar nicht wollen – und die aufgrund hoher Produktionskosten in Deutschland kaum konkurrenzfähig ist.
In einem Dieselmotor stecken etwa 1500 bewegliche Teile, in einem Elektromotor rund 20. Als ich das zum ersten Mal hörte, war mir klar: Das lässt sich anderswo besser, billiger und in größerer Stückzahl fertigen. Präzision im Automobilbau war einmal ein Standortvorteil – jetzt schließen andere auf.
Selbst wenn es gelänge, Fahrzeuge günstiger anzubieten, bleibt die Frage: Wo sollen sie geladen werden? Gerade Bewohner von Mehrfamilienhäusern stehen vor praktischen Hürden. Wenn mehrere Haushalte Wallboxen installieren, braucht es Lastmanagement, Netzstabilität – und das bedeutet: Kosten, Kosten, Kosten.
Ohne flächendeckende Infrastruktur, stabile Stromnetze und klare Besitzmodelle wird Elektromobilität für viele zur Belastung. In einigen Regionen verweigern Netzbetreiber bereits den Anschluss neuer Ladepunkte. Und wer will abends nach der Arbeit im Viertel noch eine freie Station suchen – nur um später zurückzugehen, um das Auto abzustecken? Das ist alles andere als praktisch.
Was wir uns wirklich fragen sollten
Wie viel Auto braucht ein Haushalt? Wie oft wird es tatsächlich genutzt? Welche Alternativen existieren? Und: Welche Systeme könnten Mobilität smarter, nachhaltiger und gerechter machen?
Darüber hören wir erstaunlich wenig. Die Politik schweigt – über alle Parteigrenzen hinweg. Dahinter steckt selten wirtschaftliche Vernunft, sondern Ideologie, die uns allen teuer zu stehen kommt. Förderlandschaften, gesetzliche Vorgaben und Steuervorteile orientieren sich oft an Schlagworten, nicht an Machbarkeit. Antriebsneutralität, Bedarfsanalysen oder dezentrale Verkehrskonzepte spielen eine Nebenrolle. Dabei wären es genau diese Perspektiven, die Mobilität wirklich zukunftsfähig machen würden.
Verlustangst auf allen Ebenen
Auch die Automobilindustrie wirkt zunehmend getrieben – zwischen Subventionen, Technologiewandel und internationalem Wettbewerb. Die Fertigung wandert ab, Kompetenz schwindet, und die einstige Exportstärke erodiert.
Was bleibt, sind Marken und Nostalgie. Made in Germany wird zum Label ohne Werkbank. Die Ideologie wird auf den harten Boden wirtschaftlicher Realität aufschlagen. Die Frage ist nur: Wie viel Steuergeld wird bis dahin verbrannt?
Psychologisch betrachtet ist das kein Einzelfall, sondern die Sunk Cost Fallacy im großen Maßstab: Wir verteidigen Investitionen, weil sie schon getätigt wurden – nicht, weil sie noch Sinn ergeben. Menschen und Organisationen handeln gleich. Verlustaversion, Prestige und Angst vor Fehlentscheidungen führen dazu, dass wir zu spät umsteuern. Doch was uns gestern Sicherheit gab, kann uns morgen bremsen.
Matrix-Frage: Welche Alternative?
Wir müssen uns von der Fixierung auf den Antrieb lösen. Es braucht Mut, Mobilität systemisch zu denken – als Zusammenspiel von Lebensstil, Infrastruktur und Technik. Wer das Auto nicht als Statussymbol betrachtet, sondern als Werkzeug, sucht aktiv nach neuen Wegen.
Wie bei jedem Werkzeug gilt: Es soll effizient, passend und nachhaltig sein.
Vielleicht liegt die wahre Innovation also nicht im Antrieb, sondern in der Frage, ob wir das Fahrzeug überhaupt brauchen. Und wenn ja: Wie oft? Wie weit? Wie groß?
Wer Mobilität so denkt, kommt auf andere Antworten als Industrie und Politik – und vielleicht auf bessere.
Blick nach vorn
Im September war ich in San Francisco. Die Straßen waren rappelvoll – darunter zahlreiche autonome Taxis von Waymo, einer Google-Tochter. Sie fahren längst ohne Fahrer, zuverlässig, sicher, leise. 2026 will das Unternehmen nach London expandieren, danach nach Kontinentaleuropa.
Eine echte Alternative zum privaten Autobesitz ist also bereits in Sicht – nicht in zehn Jahren, sondern heute.
Mobilität verändert sich gerade grundlegend, nur nicht dort, wo wir noch darüber diskutieren, welcher Antrieb der richtige ist. Während wir über Steckertypen und Förderquoten streiten, schaffen andere längst funktionierende Systeme.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre:
Zukunft entsteht nicht aus Ideologie, sondern aus Innovation – und aus dem Mut, den Status quo zu hinterfragen.
